Eldina Jasarevic
Die Tageszeitung Oslobodjenje aus Sarajevo war vor dem Ausbruch des Krieges in Bosnien-Herzegowina (BiH) das renommierteste und einflussreichste Blatt in dieser ex-jugoslawischen Republik. Oslobodjenje war in BiH eine ebenso angesehene Zeitung wie Politika in Serbien oder Vjesnik in Zagreb. Im Gegensatz zu diesen zwei anderen Tageszeitungen gelang es Oslobodjenje nach dem Zerfall des kommunistischen Regimes Ende der 80er Jahre der Kontrolle der neuen nationalistischen Machthaber zu entkommen und unabhängig von jeglicher Parteikontrolle zu werden.
Trotz schwierigster Arbeitsbedingungen berichtete Oslobodjenje als einzige Tageszeitung ununterbrochen aus dem belagerten Sarajevo und erhielt für ihre Kriegsberichterstattung achtzehn Preise. BBC und GranadaTV erklärten Oslobodjenje 1992 zur „Tageszeitung des Jahres“ (Kurspahic 1997: 208).
Die edlen Ideen, zu denen sich die Oslobodjenje-Journalisten bekannten, sind unbestreitbar. Es ist auch unbestreitbar, was für eine Bedeutung die Erhaltung dieser Zeitung für die geschundene Bevölkerung in Sarajevo hatte, die in der Stadt ohne Nahrung, ohne Wasser-, Strom- und Gasversorgung und unter dem ständigen Beschuss ausharren musste.
Am Anfang des Krieges in BiH wurden die Journalisten von Oslobodjenje nur von der Idee getrieben über die Ereignisse den damaligen Umständen entsprechend objektiv zu berichten und nicht zu schweigen, auch wenn der Preis hierfür ihr eigenes Leben wäre. Aus der Analyse ergibt sich jedoch, dass sich Oslobodjenje trotz dieser edlen und professionellen Leitideen sehr schnell die Feindbilder und Hasssprache aneignete und somit zum Medium verschiedener Propagandisten und parteiisch wurde.
Die Analyse von Zeitungsberichten wird deutlich machen, dass am Anfang des Krieges „political correctness“ bei Oslobodjenje eine große Rolle spielte. Nur mit jeder Bombe, die auf Sarajevo fiel, mit jedem weiteren Opfer, wurde der Krieg zu einer sehr persönlichen Sache. Mit jedem Tag des Krieges wurde eine objektive Berichterstattung, die sich auf mehrere Quellen beruft und die sich um einen neutralen und unabhängigen Standpunkt bemüht, immer seltener und immer unmöglicher. Immer mehr vermischten die Journalisten in der Berichterstattung Fakten, Meinungen und Kommentare. Mit dem Meinungsjournalismus ging darüber hinaus auch eine Subjektivierung und Emotionalisierung der Berichterstattung einher. Die Journalisten brachten die eigenen persönlichen Erlebnisse ins Spiel und zeigten Emotionen. Dadurch verließen sie ihre objektive, distanzierte Position.
Im Laufe der Umzingelung von Sarajevo schlüpfte Oslobodjenje in zunehmendem Maße in die Rolle eines PR-Instruments und übernahm eine Sprachrohrfunktion. Oslobodjenje war nicht mehr bemüht, die patriotisch aufgeladenen Statements und Sichtweisen der Propagandisten (Regierungs- und Militärorgane usw.) zu kommentieren und einzuordnen, geschweige denn, sie zu kritisieren und fungierte somit auch als Verbreiter bzw. Verstärker des „offiziellen“ Patriotismus.
Die Analyse veranschaulicht auch, wie im Folgenden zu zeigen sein wird, dass sich Oslobodjenje vor dem Kriegsanfang von Oslobodjenje im Krieg in vieler Hinsicht so unterscheidet, dass es wohl die Umstände des Krieges waren, die aus dieser neutralen Oslobodjenje eine Kriegs-Oslobodjenje machten. Deshalb wird in diesem Artikel der Frage nachgegangen: Aus welchen Gründen verwandelte sich so ein renommiertes Printmedium in einen Propagandaschauplatz?
Den meisten Untersuchungen über Medien liegt die Prämisse zugrunde, dass Medien maßgeblich an der Konstruktion von Wirklichkeit beteiligt sind. Ich bin aber der Meinung, dass das Problem der Medien im Krieg auch aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden sollte und zwar: Inwieweit sich die besondere, außergewöhnliche und brutale Situation des Krieges auf die Medien und deren Berichterstattung auswirkt.
Am Beispiel der bosnischen Tageszeitung Oslobodjenje, deren Berichterstattung meiner Auffassung nach mitunter Produkt der Kriegswirklichkeit war, möchte ich zeigen, wie die Wirklichkeit Medien formt. Anhand einer Längsschnittuntersuchung versuche ich zu herauszufinden, welche Bedingungen dazu führten, dass sich ein anfangs balanciertes Medium im Verlauf des Krieges die Hasssprache aneignete und zu einem Propagandablatt wurde. Oslobodjenje ist für mich aus dem Grund besonders interessant, da die Journalisten von Oslobodjenje – nach Selbstauskunft und nach Ansichten neutraler Quellen– weder die Absicht hatten, aus Oslobodjenje eine Propagandamaschinerie zu machen noch sich zu einer der Konfliktparteien zu bekennen. Außerdem ist der Kriegs- und Nachkriegsrealität zu entnehmen, dass keine Konfliktpartei Oslobodjenje zu ihrem eigenen Propagandainstrument zählte. Jede Partei betrachtete diese Zeitung mehr oder weniger als ihren Gegner.
Die Untersuchung verfolgt zwei Hauptziele: Zum einen wird versucht am Beispiel von Oslobodjenje darzustellen, welche Wirkungen der Krieg auf die allgemeine Berichterstattung von Oslobodjenje hatte bzw. welche Bedingungen dazu geführt haben, dass ein renommiertes Medium wie Oslobodjenje nur ein hochgradig strukturiertes und fragmentarisches Bild von der Welt vermittelte. In diesem Zusammenhang werden sowohl die äußeren (objektiven) als auch die subjektiven Gründe untersucht, die eine Kriegs-Oslobodjenje entstehen ließen. Anhand von Beispielen wird gezeigt, wie im Verlauf des Krieges die Diktion des Blattes immer weniger neutral, immer parteiischer, ja sogar hetzerisch wurde.
Der zweite Aspekt der Untersuchung betrifft die Hasssprache („hate speech“) und die Konstruktion von Feindbildern. Zur Realisierung von Hasssprache und der Konstruktion von Feindbildern bedient man sich kontinuierlich der kollektiven Wissens- und Gedächtnisdiskurse. Ziel dieser Teil der Untersuchung wird es sein, die Quellen und die Erfahrungen, worauf diese Feindbilder beruhen, darzustellen. Anhand der Analyse ausgewählter Beispiele wird versucht, Hasssprache und die Feindbildkonstruktionen nicht nur zu beschreiben, sondern ihre Sinn stiftende Funktion zu erfassen.
Um die These zu überprüfen, dass es die Umstände des Krieges waren, die aus der anfangs neutralen Oslobodjenje eine Kriegs-Oslobodjenje machten, wurde eine Längsschnittuntersuchung der Berichterstattung von Oslobodjenje im Zeitraum vom 29.2. bis zum 31.5.1992 durchgeführt. Dieser Zeitraum erfasst die Zeit vor dem Ausbruch des Krieges bis zu dem Zeitpunkt, als der Krieg tobte und täglich Granaten auf Sarajevo fielen. Für die Untersuchung wird die Methode der Komparation und der qualitativen Inhaltsanalyse verwendet.
Diese Analyse soll die
Problematik der journalistischen Arbeit in einer außerordentlichen
Situation darstellen, die nicht nur auf die bloße Kriegsberichterstattung
zurückzuführen ist. Diese Untersuchung soll zeigen, dass manchmal
einfach solche Bedingungen herrschen, die Journalisten dazu zwingen, auf
die Grundregeln ihres Berufs zu verzichten, um zu überleben, um überhaupt
berichten zu können. Am Oslobodjenje-Fall sieht man gut,
dass es schwierig ist, objektiv und neutral zu berichten, wenn es in der
persönlichen Umgebung nur von Propaganda und Hasssprache so wimmelt,
wenn die Berichterstatter noch dazu direkt betroffen sind. Am Beispiel
von Oslobodjenje soll gezeigt werden, dass neben der These „Medien
konstruieren Wirklichkeiten“ auch die These „Wirklichkeiten
konstruieren Medien“ einen Platz haben soll.
Anfang
Analyse der allgemeinen Berichterstattung im Untersuchungszeitraum
Bei der quantitativen und qualitativen Analyse von Oslobodjenje-Texten im Untersuchungszeitraum fällt folgendes auf: „political correctness“ und Ausgewogenheit charakterisieren die Oslobodjenje-Berichterstattung bis zum Kriegsausbruch Anfang April 1992. Keine hetzerischen Berichte oder Hasssprache kommen aus der Journalistenfeder. Ein großes Maß an Objektivität ist zu verzeichnen: alle politischen Parteien, alle Seiten sind in der Zeitung vertreten, Journalisten bedienen sich mehrerer Quellen bei ihrer Berichterstattung und halten sich an die Grundpostulate der journalistischen Praxis. Die Korrespondenten berichten aus allen Teilen des Landes. Zusätzlich benutzen sie Agenturnachrichten, wobei die jugoslawische Presseagentur Tanjug am stärksten vertreten ist.
Ende Februar und März 1992
Bei der Berichterstattung über den Volksentscheid spürt man die politische Orientierung der Oslobodjenje-Redaktion: Neigung zur Unabhängigkeit von BiH und gegen die Teilung des Landes, BiH ist noch immer eine jugoslawische Republik. So sehen wir am ersten Referendumstag (29.2.) ein Foto auf der Titelseite, wo im Vordergrund die Plakate mit der Aufschrift „Für ein unteilbares, souveränes und unabhängiges Bosnien-Herzegowina“ zu sehen sind. Der Kommentar auf der Titelseite hat die Überschrift: „Der Tag für den feierlichen Anzug“. Am 1. März, am zweiten Referendumstag, kommt ein Foto mit dem Plakat „Ich liebe BiH“ auf die Titelseite. Es ist zu betonen, dass der Großteil der serbischen Bevölkerung in BiH gegen die Unabhängigkeit des Landes war und das Referendum boykottierte.
Die Berichterstattung am 2. März über die bewaffneten Auseinandersetzungen nach dem abgeschlossenen Referendum für die Unabhängigkeit von Bosnien ist ausgewogen. Am 2. März kommt zusätzlich auch eine Sonderausgabe von Oslobodjenje mit vier Seiten heraus, um über die Ereignisse im Lande besser zu informieren. Dem Massaker in dem Dorf Sijekovac unter den serbischen Dorfbewohnern Ende März wird viel Platz eingeräumt. Es steht auch schon ein Korrespondentenbericht über Sijekovac auf der Titelseite. Der Bericht bringt mehr Informationen und Details über das Massaker ans Licht der Öffentlichkeit. Der Korrespondent von Oslobodjenje interviewte in seinem Bericht Familienmitglieder der Opfer und andere Dorfbewohner, die in den Agenturnachrichten davor nicht zu Wort kamen.
An der Berichterstattung über das Massaker in Sijekovac und den Berichten über die bewaffneten Auseinandersetzungen nach dem Volksentscheid ist zu kritisieren, dass Oslobodjenje zu viel „political correctness“ zeigte, so allgemein berichtete, dass manche Informationen nicht klar vermittelt wurden. Man spürt die kommunistische Last von Oslobodjenje in Bezug auf die nationale Frage, wo diese Problematik ein Tabu war. Es wurde ein rosigeres Bild über die ethnische Situation vermittelt, als es wirklich war.
Im März findet man viele Kommentare gegen alle nationalistischen Parteien und gegen die Teilung des Landes auf ethnischer Basis. Die Kommentatoren von Oslobodjenje warnen vor der Gefahr des Nationalismus. Hier sei nur ein Beispiel für die antinationalistische Richtlinie von Oslobodjenje in Form eines Kommentars genannt: „Die Meister des Dunklen bei dem Sarajevo-Einsatz“ von Abdulah Sidran. „Gott behüte mich davor, in dem einnationalen Staat zu leben. Das Leben in so einem Staat ist für das zivilisierte und kultivierte Menschenwesen das gleiche wie das Leben eines Fisches in einem Aquarium“ (Oslobodjenje, 15.3.).
April und Mai 1992
Der Zeitungsumfang verringerte sich nach den ersten Angriffen auf Sarajevo Anfang April drastisch. Oslobodjenje, die vor den ersten bewaffneten Konflikten in Sarajevo am 5.4.1992 zwischen 16 und 24 Seiten (je nach Wochentag) zählte, schrumpfte schon am 9. April auf acht Seiten. Nach dem 6. Mai wurde die Zahl der Seiten wegen Papiermangel auf nur sechs Seiten reduziert, dies änderte sich auch bis zum Ende des untersuchten Zeitraums nicht.
Die Reduktion der Seitenanzahl geht zu Lasten der Nachrichten aus dem Ausland, der Kultur- und Sportseiten. Schon Anfang Mai, nicht einmal vier Wochen nach Kriegsausbruch, verdrängen die Nachrichten aus dem Inland fast völlig die Nachrichten aus dem Ausland. Die Nachrichten aus dem Ausland behandeln die Friedensverhandlungen oder die Reaktionen aus dem Ausland auf den Krieg in BiH. Die Reaktionen aus den Ländern der internationalen Gemeinschaft oder aus den Nachbarländern auf den Krieg in BiH finden kaum Platz auf Oslobodjenje-Seiten.
Die totale Umzingelung der Stadt nach dem 2. Mai wie auch die immer stärker werdenden Angriffe auf die bosnische Hauptstadt Sarajevo hinterlassen starke Folgen in der Berichterstattung von Oslobodjenje. Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit der Journalisten und Probleme mit Telefon- und Faxverbindungen führen dazu, dass Oslobodjenje schon nach zwei Wochen Krieg langsam zu einem Sarajevo-Medium wird. Nachrichten aus Sarajevo bekommen immer mehr Platz und die Berichterstattung aus anderen Welt- und Landesteilen verlieren stark an Qualität und Quantität.
Aus den Gebieten, die Karadzic’s Serben unter ihrer Kontrolle von haben, fallen allmählich Berichte von Oslobodjenje-Korrespondenten aus. Fast alle Oslobodjenje-Korrespondenten wurden aus diesen Gebieten entweder vertrieben oder sie sind geflüchtet. Die serbischen Korrespondenten hören auf, für Oslobodjenje zu schreiben, sei es aus ideologisch-nationalen Gründen oder aus Angst um das eigene Leben. Die Nachrichten aus diesen Gebieten werden von der jugoslawischen Presseagentur Tanjug übernommen. Oslobodjenje hat deswegen schon seit Anfang Mai keine Korrespondenten mehr in über einer Hälfte des Landes.
Am 25. Mai besetzten die Vertreter der neu gegründeten serbischen Agentur SRNA und des serbischen Rundfunks gewaltsam die Büros von Oslobodjenje und Radio BiH in Belgrad und verboten den Mitarbeitern den weiteren Zugang (Oslobodjenje, 26.5.).
Eine neue starke Ausdrucksform wird von der ersten Maidekade an die Fotografie. Fotos nehmen immer mehr Platz in Oslobodjenje ein und zeigen überwiegend die folgenden Motive: Kriegszerstörungen, Kriegsopfer, menschliches Elend in Sarajevo, Flüchtlinge, Soldaten der ersten bosnischen Streitkräfte, „Teritorijalna odbrana Republike BiH“ (TORBiH), patriotische Fotos und Politiker. Die Fotos sollen einer Ästhetisierung des Krieges dienen, indem sie die TORBiH-Soldaten in einem positiven Licht zeigen. Die fotografierten Motive bezeugen auch die eingeschränkte Bewegungsfreiheit: Es gibt keine Bilder aus den Orten, die unter der Kontrolle der Einheiten der bosnischen Serben sind. Es gibt auch keine Bilder von der serbischen Frontseite, was mit der Angst und mit der Gefahr an diese Frontseite zu gehen, zu erklären ist. Der Mangel an Fotos außerhalb von Sarajevo ist auch mit der Tatsache zu erklären, dass es oft Probleme mit der Stromversorgung und Telefonleitungen gab. Damals gab es in ganz BiH keine Internetverbindungen.
Die ethnischen Teilungspläne und politische Zugehörigkeit zeichnen sich auch in der Arbeit der Agenturen ab. Tanjug-Nachrichten beziehen sich in der Regel nach der ersten Aprilhälfteauf die Nachrichten aus den Gebieten, die bosnische Serben militärisch unter Kontrolle haben. Die kroatische Agentur „Hrvatska informativna novinska agencija“ (HINA) ist mit den Nachrichten aus den Gebieten zu finden, wo die bosnischen Kroaten die Mehrheit darstellen bzw. wo die Streitkräfte der bosnischen Kroaten („Hrvatsko vijece odbrane“ HVO) die militärische Kontrolle haben, aber auch aus anderen Landesteilen und aus Sarajevo. Am 16. April gibt es die ersten Nachrichten der neu gegründeten bosnischen Agentur BH PRESS. Diese Agentur wird zum Sprachrohr der bosnischen Regierung und zum Verbreiter der Regierungspropaganda in Sarajevo. Nach den Worten ihres Direktors, Zlatan Husaric, berichtet BH Press „über die Arbeit der Präsidentschaft, der Regierung und des Innenministeriums und veröffentlicht ihre Mitteilungen“ (Thompson 1995: 201).
In den ersten drei Kriegswochen werden in Oslobodjenje viele Leserbriefe veröffentlicht. Die Zahl der Leserbriefe nimmt im Mai allmählich ab. Nur Leserbriefe, die die politische Richtlinie von – Multikulturalität und Verurteilung des „Aggressors“ – verfolgen, werden im April und Mai veröffentlicht. Man kann über die Gründe dafür nur spekulieren. Eine mögliche Erklärung dafür wäre, dass Oslobodjenje schon in der Bevölkerung als parteiisches Medium empfunden wurde und deshalb schrieben nur diejenigen, deren Meinung über den Krieg sich mit der Redaktionspolitik deckte. Eine andere Erklärung ist in der Tatsache zu suchen, dass Oslobodjenje nach dem 2. Mai nur noch in Sarajevo distribuiert und gelesen wurde. Die Bestätigung dieser These finden wir in den Todesanzeigen. Es gibt nur Todesanzeigen aus Sarajevo, was vor dem Krieg nicht der Fall war.
Von der zweiten Aprilhälfte an zeigt Oslobodjenje eine starke politische Unausgewogenheit, was die Information über verschiedene Parteien angeht. Diese Unausgewogenheit bezieht sich vor allem auf die serbische Partei SDS. Hier darf man nicht vergessen, dass die führenden SDS-Politiker die Stadt verlassen haben und damit physisch unerreichbar waren. Sonst sind alle anderen Parteien in der Zeitung – seien sie aus der Regierung oder aus der Opposition – gleichberechtigt vertreten.
Am 19. April wird das letzte Oslobodjenje-Interview mit Radovan Karadzic veröffentlicht. Ab Mitte April finden aber SDS-Statements keinen Platz mehr in Oslobodjenje. Als eine der wenigen Konstanten im ganzen analysierten Zeitraum erweist sich die starke Kritik an den nationalistischen Parteien und ihrem Bestreben Bosnien zu teilen. Fast in jedem Exemplar ist zumindest ein Kommentar gegen die Teilung des Landes nach ethnischen Kriterien zu finden. Dabei schont Oslobodjenje die moslemische nationalistische Partei (SDA) unter Izetbegovic’s Führung auch nicht.
Bis Mitte Mai gibt es viele Berichte und „human-touch stories“ über die einfachen Menschen und Flüchtlinge im Krieg. Es dominieren Hintergrundsberichte, Analysen, Kommentare, Interviews mit verschiedenen Fachleuten und Analytikern. Ab Mitte Mai bestimmen Nachrichten, Berichte, Kommentare, Propagandaartikel den Tenor der Zeitung. Dazu werden häufig Mitteilungen und Briefe von verschiedenen Antikriegsbewegungen oder Persönlichkeiten aus Serbien veröffentlicht, die den Krieg, Karadzic’s Politik, den ethnischen Hass und die Teilung Bosniens verurteilen. Dadurch wird das schwarz-weiße Bild von den Serben verdrängt. Auch das nimmt im Mai drastisch ab, wahrscheinlich wegen der gestörten Kommunikation mit der Außenwelt.
Im Mai mehren sich Anfänge der bosnischen Regierungspropaganda auf den Seiten von Oslobodjenje. Die bosnische Regierung gründet den „Informationsdienst zur Territorialverteidigung“ (ISTO) Die Propagandaartikel von ISTO, in denen die Propagandisten die Soldaten der TORBiH an der Front portraitieren und sie im positivsten Licht darstellen, werden wiederholt in Oslobodjenje veröffentlicht.
Anfang Mai beginnt auch das „Medjunarodni Press-Centar“ (Internationales Pressezentrum, MPC) mit der Arbeit. Die Pressekonferenzen im MPC, an denen immer die Vertreter der TORBiH und verschiedene gleich orientierte Gäste teilnahmen, fanden jeden Tag statt und wurden so zu einer zusätzlichen Propagandaquelle.
Es gibt keine Propagandaartikel von der bosnisch-serbischen Seite in der Zeitung. Die Erklärung dafür ist die schon offene Einseitigkeit des Blattes als auch die Beschränkung von Oslobodjenje auf das innere Stadtgebiet von Sarajevo. Damals war es für alle einheimischen Journalisten in ganz Bosnien unmöglich, über die Fronten zu gehen und von der Seite der „anderen“ zu berichten.
Im Mai finden wir auch immer häufiger Propagandaartikel in der eigenen Produktion von Oslobodjenje-Journalisten. Diese Propaganda bezieht sich vor allem auf die Portraits von Soldaten der bosnischen Streitkräfte TORBiH, wo die Soldaten als einfache Menschen dargestellt werden, die für höhere Ziele kämpfen und zum Krieg gegen ihren Willen gezwungen sind. Die Oslobodjenje-Journalisten verlieren in diesen Artikeln jeden kritischen Bezug zur Realität, so dass ihre Berichte den Berichten von ISTO gleichzustellen sind. Nach den ersten Schüssen auf Sarajevo Anfang April 1992 sind Verletzungen der journalistischen Ethik und journalistischen Praxis zu verzeichnen, die immer öfter zu beobachten sind und den Verlust an Objektivität von Oslobodjenje dokumentieren.
Die Unausgewogenheit manifestiert sich in der Benutzung von nur einer Quelle. Hier darf aber nicht außer Acht gelassen werden, dass die zweite Quelle oft physisch unerreichbar war. Die Journalisten beschweren sich manchmal, dass sie die gewünschten Informationen nicht bekommen können oder dass sie sich im Kreuzfeuer der Propagandisten befinden. Mit der Zeit werden Beschwerden dieser Art immer seltener. Die Mischung von Nachricht und Kommentar wird häufiger. Die Journalisten berichten parteiisch, zeigen zu viele Emotionen, bedienen sich oft unrecherchierter Nachrichten, eines Militärvokabulars, was in manchen Fällen zur Hasssprache führt. Der Journalist tritt oft als Opfer auf, der subjektive Faktor ist sehr stark.
Die Parteilichkeit in
der Wortwahl wird deutlich im Gebrauch vieler schmückender Adjektive
mit positiver Bedeutung z.B. für die „legalen und legitimen
Verteidiger“ von Sarajevo und vieler Adjektive mit beleidigender
Bedeutung für den „Aggressor“. Die Parteilichkeit auf
visuellem Niveau ist in der schon erwähnten positiven Darstellung
der Soldaten der TORBiH zu beobachten.
Anfang
Hasssprache und Feindbilder von Oslobodjenje im Untersuchungszeitraum
Ende Februar und März 1992
In diesem Zeitraum sind nur Beispiele für Hasssprache und Feindbilder gefunden worden, die von Außenquellen stammen. Es gibt kein einziges Beispiel dafür, dass sich ein Oslobodjenje-Journalist der Hasssprache, der ethnischen Vorurteile bediente oder einen hetzerischen Journalismus betrieb. Oslobodjenje fungiert also als jedes Medium, in das sich Hasssprache durch das Wesen des Journalismus einschleicht – durch das Berichten. Die Hasssprache kommt in Form von Mitteilungen der JNA über die kriegerischen Auseinandersetzungen in Kroatien oder über Berichte von prominenten Persönlichkeiten aus dem politischen und öffentlichen Leben in das Blatt.
In den Berichten über die bewaffneten Auseinandersetzungen und Barrikaden nach dem Volksentscheid Anfang März in Sarajevo und einigen anderen Orten in BiH, die von der serbischen Partei SDS organisiert wurden und eine kleine Ouvertüre zum Krieg waren, wurden nur neutrale und kurze Bezeichnungen benutzt: „Bewohner serbischer Nationalität“, „bewaffnete Zivilisten“, „Kriegsparteien“ u. ä.
April und Mai 1992
Die Berichterstattung von Oslobodjenje bis zu den ersten Angriffen auf Sarajevo am 6.April ähnelt der vom März. Obwohl die Vertreibungen der nicht-serbischen Bevölkerung in Ostbosnien schon in den ersten Apriltagen im Gange waren, spürte man den Krieg in Oslobodjenje erst nach dem 6. April – nach den ersten Schießereien in Sarajevo. Oslobodjenje beginnt langsam, sich auf eine Seite zu stellen. Die Journalisten versuchten anfangs, eine neutrale Stellung einzunehmen, aber schon nach zwei Wochen Kriegsbeginn ist der Feind klar definiert. Der Feind der Einwohner von Sarajevo und der Feind vom souveränen und einheitlichen Bosnien wird zum Feind der Oslobodjenje-Journalisten. Die Belagerer von Sarajevo und die serbischen Aufständischen in BiH wurden zuerst als „Terroristen“ als „serbische Territorialisten“ bezeichnet oder die Bezeichnung konzentrierte sich auf die SDS, die Partei von Karadzic. Die Angriffe wurden als „Aggression“ bezeichnet.
Die negativ konnotierten Bezeichnungen sind die folgenden: „Terroristen“, „feindliche Kräfte“, „SDS-Paramilitärs“, „Aggressoren“ usw. Die Bezeichnungen „Terroristen“, „Aggressoren“ und „Paramilitärs“ dienten vor allem dazu, die moralische Inferiorität von serbischen Aufständischen und die Nicht-Legitimation ihres Kampfes zu betonen. Die Konzentration auf SDS und auf Karadzic als Führer hatte die Funktion, die serbischen Aufständischen nicht mit der ganzen serbischen Bevölkerung zu identifizieren, sondern nur auf eine „extreme Gruppe“ zu verweisen. Die Abkürzung SDS wird manchmal als „esdees“ geschrieben, was eine Anspielung auf die „SS“ ist und dem Feind die Dimension des Faschismus und damit der Inhumanität verleiht.
Es ist auffällig, dass mit jeder weiteren Granate auf Sarajevo, mit jedem weiteren Opfer in Sarajevo und BiH die Bezeichnungen für den „Feind“, für die „andere Seite“ stärker und länger werden. So haben wir im Mai 1992 die folgenden Benennungen: „professionelle Terroristen aus Serbien“, „großserbische Chauvinisten“, „Arkans Räuber- und Mörderbanden“, „Serbo-Soldateska“, „serbo-montenegrinische Plünderer“, „Mörder“, „Brandstifter“, „Banditen“, „Verbrecher“, „Esdees-Terroristen und Kriegshunde“ usf.
Die serbische und montenegrinische Zugehörigkeit der Angreifer wird betont, so dass der Ursprung des Übels – serbisch dominiertes Restjugoslawien – klar identifiziert wird. Die Idee, für die sie kämpfen – Großserbien – wird auch diagnostiziert und mit negativer Konnotation besetzt. Die Bezeichnungen für die Einheiten der aufständischen bosnischen Serben sollen die Ungezügeltheit, Undisziplin und Wildheit des Feindes darstellen, der in Form eines Unmenschen vorkommt. Diese Feindbilder nehmen dem Feind jede moralische Qualität. Der Feind ist böse, unberechenbar und kämpft für niedrige Ziele.
Ende April kommt die Bezeichnung „Tschetnik“ immer öfter in Gebrauch und sie wird zu einem produktiven Wortbildungsmuster. So sind die folgenden Bezeichnungen zu registrieren: „Tschetnik-Heckenschützen“, „Tschetnik-Horden und Verbrecher-Banden“, „Serbo-Tschetnik-Angriff“, „Serbo-Tschetnik-Granaten“ usw.
Die Benutzung der Bezeichnung „Tschetnik“ bei der Schaffung von Feindbildern wird unterschiedlich gedeutet und muss kontextualisiert werden. Die Bezeichnung „Tschetnik“ ruft historische Ängste bei der ganzen moslemischen und kroatischen Bevölkerung als auch bei einem Teil der serbischen Bevölkerung hervor und ist mit einer sehr negativen Konnotation beladen. Der „Tschetnik“ ist im kollektiven Gedächtnis der bosnischen Moslems ein Inbegriff des Übels, ein Bild des Schreckens und der Bedrohung und somit ist die Bezeichnung mit starken Emotionen beladen. Sie suggeriert außerdem eine Kontinuität vom serbischen Imperialismus zur Praxis der „ethnischen Säuberungen“ als auch die Gegenüberstellung von der Orthodoxie einerseits und dem Islam und Katholizismus andererseits. So bekommt der Feind die Dimension vom Erzfeind.
Die Tatsache, dass es Tschetniks im bosnischen Konflikt gab, steht fest. Manche militante Einheiten, die für die Ziele der SDS-Politik kämpften, erklärten sich selbst als Anhänger der Tschetnik-Bewegung und ihrer Ideologie, so dass in diesem Kontext diese Bezeichnung nicht zur Hasssprache gehört. Das bewusste Einsetzen der Quellen des ethnischen Hasses gehörte zu einer der Strategien der Kriege in Kroatien und BiH. Das Problem mit der Bezeichnung „Tschetnik“ entsteht dort, wo diese Bezeichnung – und das kommt auch in Oslobodjenje vor – für alle militärischen Einheiten der aufständischen bosnischen Serben benutzt wird.
Mark Thompson kritisiert das kroatische Fernsehen HRT (Hrvatska televizija), dass es in seinen Nachrichten von den „serbischen Kräften“ oder sogar nur von den „Serben“ sprach. „So ist in den Krieg das ganze serbische Volk involviert, so dass damit das ganze Volk zum Feind wurde, was in der richtigen Korrelation mit dem gleichzeitigen Bestehen von TV Belgrad war, dass alle Serben die Kriegsbemühungen unterstützen sollen und dass diejenigen, die das nicht tun, Verräter sind“ (Thompson 1995: 146f). Für ihn bedeutet die Bezeichnung „Tschetnik“ die Differenzierung zum Serbentum und er empfindet sie als einen Schutz der serbischen Bevölkerung in Bosnien in bosnischen Medien. „Später haben diese Medien die serbischen Streitkräfte ‚Tschetniks‘ genannt, um Bosnier serbischer Nationalität zu beschützen, die die Regierung unterstützten. Demzufolge waren die Serben in Sarajevo und Tuzla Serben und die Menschen, die diese Städte bombardierten waren die Tschetniks“(Thompson 1995: 200).
Aus der Analyse der Oslobodjenje-Berichterstattung in dem oben angeführten Zeitraum entsteht der Eindruck, dass die Oslobodjenje-Redaktion der Meinung von Thompson entsprach, denn in vielen Kommentaren wird auf der Unterscheidung von Tschetnik und Serben bestanden, was nicht wundern sollte, da Oslobodjenje ihre multiethnische Einstellung auch im Krieg beibehielt. Die Bezeichnung „Tschetnik“ verhalf den Journalisten von Oslobodjenje, die „Aggressoren“ von den serbischen Oslobodjenje-Mitarbeitern zu differenzieren.
Die Bezeichnungen für die „Jugoslavenska Narodna Armija“ (JNA), die die serbischen Aufständischen in BiH militärisch unterstützten, sind anfangs aus mehreren Gründen etwas milder. „Angesichts der Tatsache, dass das Blatt äußerst projugoslawisch orientiert war und Sympathien gegenüber JNA hatte, war seine Führung nicht imstande, weder die jugoslawische Maske am Gesicht des serbischen Nationalismus durchzuschauen, noch die Tatsache wahrzunehmen, dass die JNA in Beziehung mit diesem Nationalismus stand“ (Thompson 1995: 222). Die Bezeichnungen in Oslobodjenje für die Armee ab Mitte Mai lauteten demzufolge: „Esdees-Armee-Aggression in BiH“, „tödlicher Armee-Tschetnik-Zug“, „Armee-Tschetnik-Kräfte“ usw. Die Adjektive, mit denen der Feind bezeichnet wird, haben immer eine negative Bedeutung: „todsüchtig“, „vandalistisch“, „barbarisch“, „verbrecherisch“ „faschistisch“ usf.
Die Liste der Bezeichnungen für die bosnischen Regierungsstreitkräfte ist wesentlich kürzer und ihnen haftet immer eine positive oder neutrale Bedeutung an. Auf der anderen Frontseite standen für Oslobodjenje: „Territorialisten“, „Helden der Verteidigung von Sarajevo“, „legale und legitime Verteidiger von BiH“ u. ä., so dass ein schwarz-weißes Bild von den Kriegsereignissen entstand.
Die Bezeichnungen für die Soldaten der TORBiH suggerieren Moral, Disziplin und Legitimität. Sie werden meisten mit den Adjektiven „mutig“, „heldenhaft“ oder „herzhaft“ charakterisiert. Die Bezeichnungen für die Streitkräfte der bosnischen Kroaten HVO entsprechen den Bezeichnungen für die TORBiH. In dem untersuchten Zeitraum herrscht in Oslobodjenje nur ein negatives Bild über die Einheiten der serbischen Aufständischen vor.
Im Folgenden nehme ich eine Aufteilung der Hasssprache und Feindbilder in Oslobodjenje im April und Mai 1992 in zwei Gruppen vor. Die erste Gruppe umfasst die Beispiele für die Hasssprache und Feindbilder, die nicht direkt von Oslobodjenje-Journalisten stammen, sondern von Außenquellen, seien es verschiedene Mitteilungen, Interviewpartner oder verschiedene Propagandaquellen, wie es eigentlich der Fall im März war. Oslobodjenje dient hierbei nur als Vermittler zwischen Quellen des Hasses und den Lesern.
Diese erste Äußerungsform von Hasssprache gewinnt an Quantität im April und besonders im Mai, denn die Quellen des Hasses kommen von überall her. Die Kriegspropaganda schürt absichtlich in Form von verschiedenen Mitteilungen und Aufrufe an die Bevölkerung den Hass. Die gesellschaftlichen Akteure nutzen die Medieneigenschaften, um damit in den breiten Bevölkerungsschichten präsent zu sein. Medien werden aufgrund ihres Wesens zum Instrument des Krieges.
In der zweiten Gruppe gibt es Beispiele für die Hasssprache und Feindbilder, in denen Oslobodjenje-Journalisten selber die Quelle der Hasssprache sind. Dieses Phänomen der Hasssprache war von den kriegerischen Auseinandersetzungen in Oslobodjenje überhaupt nicht vorhanden. Ethnische und politische Vorurteile als auch ethnische historische Ängste und Parallelen mit der Nazi-Zeit oder anderen historischen Ereignissen werden nun eingesetzt, um zu zeigen, dass der „Feind von heute“ alle „Feinde der Vergangenheit“ in seiner Bestialität und Unmenschlichkeit übertrifft. Das ganze gesellschaftliche Wissen scheint für die Schaffung der Feindbilder rekrutiert zu sein. Der Journalist tritt vordergründig als Opfer und nicht als Journalist auf. Die menschliche Dimension verdrängt die professionelle bei der Berichterstattung.
Die Analyse zeigt, dass Emotionen und Angst bei den Journalisten in einer sehr enger Verbindung mit der Hasssprache stehen. Der Oslobodjenje-Bericht aus Dobrinja vom 12. Mai mag als ein Beispiel für die Hasssprache in Oslobodjenje aus dieser Gruppe dienen, als auch als Illustration vom Schreiben der Journalisten, die sich als direkte Opfer empfinden: „Dobrinja. Die geopferten Menschen“ von M. Husic. „Das kann keine Mutter mehr auf die Welt bringen. Diese Art Verbrecher und der verzerrten Psyche, die diese Untaten durchführen, schuf wohl ein verzerrtes Gen in einem ganzen Volk und wenn dies saubergemacht wird, muss man aufpassen...“ (Oslobodjenje, 12.5.).
Bei der Feindbildkonstruktion in Oslobodjenje sind auch lokalspezifische kulturpsychologische Phänomene und historische Ereignisse in Sarajevo von Bedeutung. Eine soziale Differenzierung spielt(e) in Sarajevo eine große Rolle und zwar – die Aufteilung in „papci“ und „raja“. Die Jargonbezeichnung „papci“ hat eine starke negative Konnotation und „bezieht sich auf die Mentalität einer Bevölkerung, die aus dem ländlich-bäuerlichen Leben der Provinz in die Stadt verpflanzt wurde, und die Regeln des urbanen Lebens missachtet“(Kebo 1999: 304). Den „papci“ steht die „raja“ gegenüber. Die Bezeichnung „raja“ bezieht sich auf die eigentliche urbane Bevölkerung. Die „raja“ wird als zivilisiert betrachtet, die „papci“ hingegen als unzivilisiert. Diese Aufteilung spielt die ethnischen Unterschiede zugunsten einer gemeinsamen urbanen Mentalität herunter und wurde als solche oft als Symbol von Oslobodjenje-Journalisten und Bewohnern in der belagerten Stadt eingesetzt, um den Feind zu diskreditieren.
Ein Beispiel zur Illustration dieser Feindbildkonstruktion in Oslobodjenje: „Das Lamento über die besetzte Stadt. Kein Verzeihen, denn sie wissen, was sie tun“ von N. Idrizovic. „Das Ergebnis: die Stadt ist zerstört, aber wer hat sie zerstört, wer hat ihr Bombardement kommandiert? Diejenigen, die vor einigen Jahrzehnten in die Stadt kamen und ihre Beine scheu unter den Tisch wegen der falschen Schuhe versteckten, mit den melierten Pullis aus zwei Farben an (...), die die Mütter in langen Dorfnächten vor der Abfahrt strickten. Verblüfft durch die Würde, die herrliche Stadtarchitektur, die freundlichen und gebildeten Menschen – solche hatten sie früher nicht treffen können – empfanden sie diese Stadt immer als Symbol ihres Aufstiegs und ihrem Kampf von unten nach oben. Deshalb haben sie sie völlig gnadenlos, hartherzig mit dem Wunsch zerstört, dass der letzte Zeuge ihrer Klettermühen verschwindet“ (Oslobodjenje, 7.5.).
Zur Dämonisierung
des Feindes, der auf Sarajevo schießt, verhalf auch eine historische
Figur, der österreichische Prinz Eugen Savoyski. Eugen Savoyski hat
in einem Feldzug gegen die Osmanen Ende des 17. Jahrhunderts Sarajevo in
Brand gesetzt und fast völlig zerstört. Savoyski-Zerstörungen
galten unter der Bevölkerung als Symbol von Barbarismus und Rücksichtslosigkeit,
so dass das Savoyski-Symbol zusätzlich dazu diente, die Zerstörungslust
und den Sarajevo-Hass bei dem Feind zu betonen. Beispiel: „Von Eugen
Savoyski an, der es (Sarajevo) unbarmherzig in Brand setzte, verzeichnet
die Geschichte so ein Verbrechen, so einen moralischen und menschlichen
Absturz, so einen Hass und Unverschämtheit nicht...“ (Oslobodjenje,
8.5.).
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Die Analyse im Untersuchungszeitraum zeigt einen enormen Einfluss der Realität des Krieges auf die Berichterstattung von Oslobodjenje. Die Realität des Krieges hat in vielfacher Hinsicht die Objektivität der Zeitung beeinträchtigt. Als äußere Faktoren haben die eingeschränkte Bewegungsfreiheit, der Kollaps des Korrespondentennetzes, gestörte Verbindungen mit der Außenwelt, Kriegspropaganda, der Druck der Gesellschaft, die politische Realität und die Brutalität der Angreifer als auch die objektive Realität selbst am meisten Oslobodjenje im Krieg mit beeinflusst.
Wegen der eingeschränkten Bewegungsfreiheit war es einfach für Oslobodjenje-Journalisten unmöglich, die Fronten zu passieren, auf die andere Seite zu gehen, sich mit den Sichtweisen und Argumenten der anderen Seite vertraut zu machen, Nachrichten zu recherchieren, die Glaubwürdigkeit eingegangener Informationen zu überprüfen. Der Bereich „jenseits der Front“ war einfach unerreichbar und ihr Teil der Wahrheit konnte nicht in die Gesamtwahrheit eingebaut werden.
Die Einschränkung der Bewegungsfreiheit für Journalisten war eine der wichtigsten Kriegsstrategien. Das Berichten über die „andere“ Seite birgt für die Kriegsherren immer die Gefahr in sich, die Leiden auf allen Seiten jeder Seite zu zeigen und damit die Absurdität des Krieges öffentlich zu machen, die Moral der eigenen Soldaten zu untergraben und die Unterstützung in der „eigenen“ Bevölkerung zu verlieren. Die physische Trennung erlaubt die Mythenbildung, die Schaffung einer eigenen Wahrheit und die Dämonisierung des Feindes.
Die Vertreibung der Oslobodjenje-Journalisten aus den Gebieten BiHs, die die bosnischen Serben und verschiedene Paramilitärs aus Serbien und Montenegro unter ihre militärische und politische Kontrolle nahmen, war einerseits ein Akt der „ethnischen Säuberungen“ und andererseits hatte sie zum Ziel, keine Meinung, die die Glaubwürdigkeit der eigenen Wahrheit in Frage stellen konnte, zu zulassen. Journalisten serbischer Nationalität mussten aufgeben und schweigen, weil der „Verräterjournalismus“ lebensgefährlich war.
Die Kriegspropaganda auf allen Seiten sorgte dafür, dass sich die Feindbilder und Hasssprache in den Medien festsetzten. Die Kriegspropaganda der bosnischen Regierungsseite hatte einen direkten Zugang zu Oslobodjenje, indem die Artikel von ISTO in Oslobodjenje veröffentlicht wurden. Die hypothetische Frage in diesem Zusammenhang lautet: Was wäre mit Oslobodjenje geschehen, wenn ihre Redaktion die Veröffentlichungen solcher Artikel in der traumatisierten Gesellschaft wie Sarajevo damals abgelehnt hätte? Wir können vermuten, dass Oslobodjenje ohne diese Zugeständnisse an die bosnische Regierung nicht lange hätte arbeiten konnte. Den indirekten Zugang zu den Medien haben sich die Propagandisten aller Seiten durch verschiedene Aufrufe, Flugblätter und Lügen ermöglicht.
Die emotionsgeladene Umgebung spielte auch eine große Rolle bei der Berichterstattung von Oslobodjenje. Die Brutalität des Krieges und die vielen Todesopfer bestimmten die Berichterstattung so, dass bald nach dem Kriegsausbruch keine neutrale und unabhängige Quelle oder kein neutraler Interviewpartner mehr zu finden war. Alles war voll von Emotionen, Wut, Angst und Hass. Es gab einfach keine Außenstehenden, die physisch erreichbar waren. Alle waren emotional in den Krieg stark involviert.
Die Leitmedien in Sarajevo damals – Oslobodjenje und TVSA – waren dem Druck der Gesellschaft in Bezug auf die Nennung von Angreifern ausgesetzt. Die Gesellschaft bestand auf der „Aggression“ und der deutlichen Namhaftmachung derjenigen, die auf Sarajevo schießen und die Souveränität Bosniens gefährden und lehnte die Bezeichnungen wie der „verrückte Krieg“ ab.
Am 4. Mai hat das Bosnische Präsidium den Aggressor präzise genannt: „Der Aggressor in BiH sind Serbien und Montenegro bzw. die Bundesrepublik Jugoslawien mit Hilfe der ehemaligen JNA unter Teilnahme der paramilitärischen SDS-Einheiten und paramilitärischen Einheiten aus Serbien und Montenegro bzw. aus der Bundesrepublik Jugoslawien“ (Oslobodjenje, 5.5.). Die politische Realität war zudem, dass es sich nach den internationalen Gesetzen in der Tat um eine Aggression auf einen international anerkannten Staat handelte (vgl. Resolution 752 und 757 des UN-Sicherheitsrates).
Das „Internationale Tribunal für die Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien“ (ICTY) in Den Haag hat im Fall Krstic (Srebrenica) auch den Völkermord in Bosnien bewiesen. Die Brutalität der Angreifer auf die Souveränität des Landes und die Realität selbst haben den Journalisten von Oslobodjenje die Basis gegeben, den „Feind“ im schlechten Licht darstellen zu können.
Außer äußeren,
objektiven Faktoren hat der subjektive Faktor die Oslobodjenje-Kriegsberichterstattung
stark geprägt. Zu dem Meinungsjournalismus, zu der Hasssprache oder
zu anderen Verletzungen der journalistischen Praxis und der journalistischen
ethnischen Grundsätze kommt es, wenn der Journalist in Gefahr ist,
zum direkten Opfer zu werden oder sich als Opfer zu empfinden. In den Situationen,
wo sich der Journalist als Opfer empfindet, sagt er aus Angst entweder
zu viel oder zu wenig. Die Autozensur (Schere im Kopf) als auch Patriotismus
sind bei der Berichterstattung vieler Oslobodjenje-Journalisten
zu beobachten. Der Krieg wurde einfach zu einer sehr persönlichen
Sache. Oslobodjenje-Redakteure haben selten die Kriegsnachrichten
veröffentlicht, die aus inoffiziellen Quellen kamen, auch wenn sie
wussten, dass sie stimmten. „Wir wissen nicht, was schädlich
oder gefährlich sein könnte, so dass wir unter diesen Kriegsumständen
sehr vorsichtig sind, was wir veröffentlichen“ (Gjelten
1995: 201).
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Journalisten werden oft kritisiert, sie seien in den Krisensituationen einer der wichtigsten Generatoren des Hasses. Leider sind sie es oft. Aber nicht immer bewusst, nicht immer freiwillig, nicht immer aus böser Absicht. Manchmal ergeben sich solche Situationen, wo sie wenig tun können, wo sie mehr Menschen und weniger Journalisten sind, wo sie nicht mehr die Situation bestimmen, sondern wo die Situation sie bestimmt. Oslobodjenje-Journalisten wurden im Krieg von den Ereignissen überrollt. Sie sind in eine Lage geraten, wo sie keine Kontrolle mehr hatten, weder über die Ereignisse noch über sich selbst.
Die Analyse von Oslobodjenje-Berichterstattung im Zeitraum 29.02. bis 31.05.1992 zeigt schockierende Ergebnisse. Es fällt ein klarer Schnitt in der Art und Weise der Berichterstattung zwischen der Oslobodjenje im Frieden und der Oslobodjenje im Krieg auf, wobei die äußeren und subjektiven Faktoren gleichgewichtig sind. Es ist auch erschreckend, mit welcher Geschwindigkeit sich der Ton der Zeitung änderte und wie schnell sie parteiisch wurde. Es hat nicht mal sechs Wochen nach dem ersten Beschuss von Sarajevo gedauert, bis Oslobodjenje zu einem Propagandablatt der bosnischen Regierungsseite mit klar definierten Feindbildern mutierte. Es soll nochmals betont werden, dass Oslobodjenje unvorbereitet in den Krieg kam und sich vor dem Krieg von keiner Seite und keiner Partei manipulieren ließ.
Der Tatsache, dass die Wirklichkeiten auch Medien konstruieren, wie wir es am Beispiel von Oslobodjenje sehen können, sollte meiner Meinung nach mehr Aufmerksamkeit in der Medienforschung gewidmet werden und zwar aus folgenden Gründen:
- Die These „Wirklichkeiten konstruieren Medien“ und die These „Medien konstruieren Wirklichkeiten“ bestimmen sich auch in Normalsituationen gegenseitig und stehen in einem starken Abhängigkeitsverhältnis.
- Am Beispiel von Oslobodjenje haben wir gesehen, dass die Hasssprache und Feindbilder nicht immer den Feind konstruieren, um einen (gewaltsamen) Konflikt zu schüren, sondern dass es manchmal auch umgekehrt geht. Der Feind drängt sich zuerst auf und erst dann entstehen die Feindbilder und Hasssprache. Die Hasssprache in Oslobodjenje konnte klar belegt werden. Aber die Motive, aus denen die Journalisten von Oslobodjenje zur Hasssprache greifen, unterscheiden sich von den Motiven, die sonst in der Medienforschung angeführt werden. Das Motiv der Oslobodjenje-Journalisten war es nicht, sich einen Feind auszudenken, der Feind war schon da. Er war real, er schoss und gefährdete die Journalisten selbst. Im Falle von Oslobodjenje agierte zunächst ein konkreter Feind und erst danach reagierten die Journalisten als Opfer mit der Hasssprache. Die Hasssprache inOslobodjenje tritt also als Reaktion auf die reale Gefahr auf. Die Analyse der Hasssprache in Oslobodjenje zeigt, dass die Hasssprache nicht immer das Produkt eines Projekts, eines Programms ist, dessen Ziel es ist, Hass zu produzieren, sondern sie ist das Produkt der Realität.
- Zu der Medienethik gehört die Hasssprache keinesfalls. Zur journalistischen Praxis und Ethik gehört es auch nicht, die Realität zu ignorieren und sie zu beschönigen. Deshalb sollte mehr darüber diskutiert werden, wie sollen sich die Journalisten im Krieg verhalten, was sollen sie tun, wenn eine Seite im Krieg in der Tat „böse“ ist, sich brutal benimmt, wenn „political correctness“ die objektive Realität vertuscht. Noch heute ist es unklar, wie man die Truppen, die Sarajevo beschossen, ethnische Säuberungen durchführten oder den Völkermord in Srebrenica verübten, eigentlich nennen sollte, ohne jemanden oder eine journalistische Regel zu verletzen.
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